Wie unsere Eltern uns bis heute prägen und warum es nie zu spät ist eine schöne Kindheit zu haben

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Wer kennt die Situation nicht: Wenn der eigene Partner oder andere zu uns sagen: „Du bist genau wie deine Mutter oder dein Vater… “ Und das, obwohl wir uns innerlich geschworen haben, keinesfalls so zu werden. Dann sind wir z.B. genauso bewertend, übervorsichtig oder kritisch wie unsere Eltern. Intuitiv spüren wir, dass unsere Eltern und alle wichtigen Bezugspersonen uns maßgeblich für unser Leben geprägt haben. Und natürlich prägen auch wir unsere Kinder…und das mit allen Konsequenzen.

In diesem Blog-Beitrag gehe ich im ersten Teil der Frage nach, wie unsere Eltern uns prägen und welche Muster und Glaubenssätze dadurch entstehen. Du wirst dabei Gelegenheit haben, auch deine Grundprägungen zu erkennen. Auf dieser Basis stelle ich im zweiten Teil kraftvolle Techniken vor, um diese begrenzenden Muster zu durchbrechen. Wie diese Techniken in der konkreten Coaching-Praxis eingesetzt werden, erläutere ich im dritten Teil an 2 konkreten Coachingfällen. Ich komme damit gerne dem Wunsch vieler Leserinnen und Lesern nach, die sich in meinen Beiträgen noch mehr Praxisbeispiele wünschen. Den Abschluss des Beitrags bildet ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht  meiner Teilnahme an dem Selbsterfahrungsseminar „Familienkreise“, in dem ich meine Familiengeschichte intensiv aufgearbeitet habe. Du kannst gespannt sein…

Kinder lernen vor allem durch Nachahmung

1. Wie unsere Eltern uns prägen und Muster und Glaubenssätze entstehen

Jeder kennt die Weisheit des Volksmunds, der davon spricht, dass bestimmte Dinge „in der Familie“ liegen“ und über mehrere Generationen hinweg zu verfolgen sind. Und in der Tat zeigen Untersuchungen, dass Beziehungs-, Gefühls- oder auch Verhaltensmuster sowohl bei einzelnen Personen, wie auch in ganzen Familiensystemen zu finden sind.

Die Weisheitstraditionen und die aktuellen Forschungen der Verhaltenspsychologie bestätigen das Vorliegen dieser Muster und greifen diese auf. In diesem Beitrag werde ich meinen Fokus auf den modernen Ansatz der sog. „Schema-Therapie“ und der uralten Persönlichkeitstypologie des Enneagramms legen.

Was sagen die Erkenntnisse der aktuellen Verhaltenspsychologie?

Die Schema-Therapie geht auf den US-Psychologen Jeffrey Young zurück. In einem prägnanten Beitrag schildert die Fachzeitschrift „Psychologie Heute“ in der Ausgabe 02/2021 die Grundzüge dieses Ansatzes: Er geht davon aus, dass uns ein unbewusstes Navigationssystem durch unser Leben führt und unsere Verhaltensweisen und Gefühle in Beruf und Privatleben steuert. Viele Menschen neigen dazu durch ihre inneren Überzeugungen immer wieder in Problemsituationen zu geraten: z.B. aus Angst verlassen zu werden, geben sie stets mehr, als sie bekommen oder im Beruf meinen sie nur durch Höchstleistung Anerkennung zu erhalten.

Young spricht von sog. „Schemata“- also fest in uns verankerten Gefühls- und Gedankenmustern, die unser Verhalten steuern. Sie sind eine Art dauerhafte Bewältigungsreaktion auf kindliche Belastungen, die so das Verhalten noch im Erwachsenenalter prägen. Denn: Werden kindliche Bedürfnisse nach Liebe, Stabilität und Grenzen nicht gut erfüllt, entstehen Schemata als Antwort auf diese frühen Prägeerfahrungen, die dann zu hinderlichen Wegbegleitern werden.

Wird eines dieser Schemata im Erwachsenenalter durch eine neue Situation wieder wachgerufen, treten intensive Gefühle (wie Wut, Traurigkeit oder Angst) auf. Die früh erlernten hinderlichen Muster werden also wieder aktiviert und stellen den erneuten Versuch dar, die kindliche Grundbedürfnisse zu erfüllen.

Jeffrey Young unterscheidet insgesamt 18 Schemata, die durchaus große Überschneidungen zur Typologie des Enneagramm mit seinen 9 Mustern aufweisen. Damit wird für mich wieder einmal deutlich, wie das Wissen der Weisheitstradition durch die moderne Forschung bestätigt wird. Aus Gründen der Übersichtlichkeit werde ich den folgenden Fokus auf die Muster des Enneagramms legen.

Und was sagen die Weisheitstraditionen in Form des Enneagramms ?

Das Enneagramm wiederum ist eine uralte Persönlichkeitstypologie. Seine Wurzeln reichen zurück bis in die antike Philosophie und frühchristliche Theologie. In Deutschland wurde es durch Pastor Andreas Ebert bekannt. Sein Buch „Das Enneagramm“, zusammen mit dem US-Franziskanerpater Richard Rohr verfasst, ist das Standardwerk in Deutschland. Meine weiteren Ausführungen in diesem Teil beruhen damit vor allem auf den Erkenntnissen dieses sehr empfehlenswerten Buches.

Es hilft zu verstehen, was uns wichtig ist und was in uns vorgeht. Es ist somit ein ausgezeichneter Schlüssel zur Selbsterkenntnis und zur Erkenntnis über andere. Vor diesem Hintergrund ist das Enneagramm ein wichtiges Werkzeug in meiner Arbeit mit Menschen. Ich hatte das große Glück, in den letzten Jahren an mehreren Intensiv-Seminaren bei dem deutschen Enneagramm-Experten und mittlerweile guten Freund, Andreas Ebert teilzunehmen. Diese Erkenntnisse aus diesen Seminaren fließen natürlich auch in meine Arbeit ein.

Das charakteristische Enneagramm-Symbol besteht aus neun Punkten, die auf einem Kreis angeordnet sind und mit neun Linien auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Die Punkte repräsentieren die neun unterschiedlichen ,Charaktermuster‘, wobei jeder Mensch grundsätzlich einem Muster zugeordnet werden kann. Die Beschreibung der Muster besteht jeweils aus Darstellung von Grundüberzeugungen und Einstellungen, Werten und besonderen Fähigkeiten, häufigen Konfliktmustern und bevorzugten Handlungsstrategien sowie Entwicklungs- und Reifungsherausforderungen.

Die Muster entstehen, wie bereits beschrieben, als Anpassungs- und Überlebensstrategie in Kindheit und Jugend und zeigen sich als Automatismen und Fixierungen. Um dazuzugehören und die Liebe und Zuwendungen unserer Eltern und Erzieher zu bekommen, haben wir uns angepasst, Teile von uns abgespalten und durch Wiederholung bestimmte Strategien entwickeln. Diese Strategien unserer Kindheit haben sich tief in unser Unterbewusstsein eingebrannt und werden auch später in unserem Leben durch äußere Einflüsse (sog. Trigger) z.B. durch unseren Partner ausgelöst. Ist dies der Fall reagiert dann der kleine Junge oder das kleine Mädchen in uns, natürlich in Verbindung mit nur sehr begrenzter Eigenmacht.

Grundlage zur Transformation dieser Muster ist die Bewusstmachung dieser Muster, um unserer eigenes Denken und Handeln besser zu verstehen. Diese Erkenntnis ist dann die Grundlage für Entwicklung und Reifung, u.a. mittels Einsatz kraftvoller Techniken, die ich am Ende des Beitrags vorstellen werde.

Welche 9 Persönlichkeitsmuster gibt es im Enneagramm und welches ist „dein“ Muster?

Sicher bist du nun ganz gespannt, welche Muster es gibt und welches „dein“ prägendes Muster ist. Daher werde ich jetzt holzschnitzartig die Kernelemente der 9 Muster tabellarisch vorstellen. Ich lade dich ein, selbst zu überprüfen, welchem Muster du bzw. dir wichtige Menschen angehören. Es kann dabei durchaus sein, dass du Anknüpfungspunkte zu mehreren Mustern hast:

MusterSelbstbildPrägungSprach-
stil
1: PerfektionistIch habe rechtIch muss perfekt sein (meist Musterkind, Liebe durch Erfüllung der Erwartungen)  Moralisierend und belehrend
2: Helfer,
Geber
Ich helfeIch werde geliebt, wenn ich zärtlich und hilfsbereit bin und meine eigenen Bedürfnisse zurückstelle.  Schmeichelnd, beratend
3: Erfolgs-
typ,
Dynamiker
Ich habe ErfolgIch bin gut und liebenswert, wenn ich gewinne und erfolgreich bin  Werbend, begeisternd
4: Künst-
ler,
Romantiker
Ich bin andersVerlusterfahrungen und Fehlen ursprünglicher Liebe führen zu Schaffung von Liebesquellen in der Fantasie u. Sehnsucht nach Erfüllung durch die „große“ Liebe  Lyrisch, lamentierend
5: Beobachter, DenkerIch blicke durchInnere Leere durch zu viel oder zu wenig an Nähe durch die Eltern, daher Rückzug in InnenweltErklärend, systematisierend („Wissen
ist Macht“)
6: Loyale, SkeptikerIch tue meine PflichtFehlendes Urvertrauen durch unbeherrschte, kalte oder gewalttätige Eltern führen zu Suche nach Beschützer bzw. Witterung von GefahrenWarnend begrenzend
(6. Sinn für Gefahren)
7: Optimisten, EpikuräerIch bin glücklichNach erlebten Trauma entwickeln von Strategien um Leid zu vermeiden, durch Verdrängung und  Ausrichtung der Lebensplanung auf möglichst viel Genuss und wenig SchmerzSchwatz-
haft,
Geschichten erzählend
8: Führer, Beschützer,
Boss
Ich bin starkErfahrung, dass Welt weiche Tendenzen bestraft, daher Härte wichtig, Botschaft der Eltern z.B.: „Lass dir nichts gefallen! Wehr dich!“Herausfordernd, demaskierend
9: Vermittler, Harmonie-
mensch
Ich bin zufriedenAls Kind oftmals „übersehen“ oder ignoriert, vielfach Vermittler in Familienkonflikten (Gespür für Bedürfnisse anderer), Anstreben von HarmonieAbschwei-
fend,
monoton
Übersicht zu den 9 Enneagramm-Mustern mit Kernelementen

Hast du dein Muster gefunden? Falls nicht, schaue dir die Abbildung noch einmal an. Die Kenntnis des eigenen Musters ist die Grundlage um sich von der damit zusammenhängenden Fixierung zu lösen und als Mensch zu wachsen.

Welchen Einfluss haben Antreiberbotschaften auf uns?

Die Entstehung dieser Muster hängt eng mit den uns als Kind vermittelnden Botschaften zusammen, die wir sowohl verbal als auch nonverbal empfangen haben. Der Gestalttherapeut Franz Mittermair beschreibt dazu in seinem empfehlenswert Buch „Neue Helden braucht das Land“ u.a. folgende Antreiberbotschaften, die die meisten von uns in dieser oder ähnlicher Form gehört haben:

– Sei perfekt!

– Sei stark!

– Streng dich an!

– Pass dich an!

– Beeil dich!

Vater kritisiert Sohn
Antreiberbotschaften in der Kindheit führen zu begrenzenden Glaubenssätzen

Diese Botschaften wirken besonders stark, da das Kind meint nur ok zu sein, wenn es diese Gebote befolgt. Hört das Kind die Botschaften immer wieder, können daraus Glaubenssätze entstehen, die zu zwanghaften Verhalten führen können. Wenn ich z.B. den Glaubenssatz habe „Ich bin nur ok, wenn ich perfekt bin“, werde ich es mir schwer erlauben zu entspannen und loszulassen und auch große Konflikte mit meiner unvollkommenen Umwelt haben. Ich werde zum getriebenen Perfektionisten und finde mich dann vor allem im Enneagramm-Muster 1 (siehe Tabelle oben) wieder.

Und so hat jeder von uns bestimmte begrenzende Glaubenssätze über sich und das Leben entwickelt, die unsere Wahrnehmung, unser Denken und Handeln prägen und beeinflussen. Und an dieser Stelle lade ich dich ein, dir jetzt etwas Zeit zu nehmen und zu überprüfen, welche hinderlichen Glaubenssätze aus deiner Kindheit dich noch heute prägen. Und du kannst darauf vertrauen, dass in dir Impulse, Sätze und Erinnerungen aufsteigen werden.

2. Es ist nie zu spät für eine schöne Kindheit – kraftvolle Techniken persönlicher Transformation

Nachdem du nun weißt, wie Muster und Glaubenssätze dein Leben prägen, stellst du dir sicher die Frage, was du nun tun kannst, um diese zu transformieren. Diese Frage ist besonders bedeutend, wenn du selbst Kinder hast oder haben möchtest. Und zwar deshalb, um nicht die eigenen begrenzten Muster und Glaubenssätze an deine Kinder weiterzugeben.

Und die positive Botschaft ist, dass es eine Vielzahl von kraftvollen Techniken gibt, mit denen ich in meiner Arbeit mit Menschen sehr intensive Erfahrungen gesammelt habe.

Kind lesend
Es ist nie zu spät eine schöne Kindheit zu haben, wenn wir mit dem Buch unseres Lebens arbeiten

a) Arbeit an einschränkenden Glaubenssätzen

Grundlage der beschrieben Muster sind Überzeugungen und Einstellungen, zu dem ein Mensch (vor allem in seiner Kindheit) gelangt ist und was er für wahr hält. Diese Glaubenssätze sind wie eine Brille, die wir aufsetzen: Sie steuern damit den Fokus unserer Aufmerksamkeit und bestimmen, welche Informationen wir wahrnehmen und wie wir sie interpretieren. Einschränkende Glaubenssätze (wie z.B. „Nur wenn ich erfolgreich bin, bin ich liebenswert“) schränken uns enorm ein. Sie setzen uns unter Druck und führen dazu, dass wir Teile von uns abspalten (z.B. bedingungslos zu lieben und geliebt zu werden) und insgesamt die Entwicklung unseres vollen Potenzials begrenzen.

Es gibt nun eine Vielzahl dynamischer, kraftvoller Techniken mit denen ich arbeite, um diese einschränkenden Glaubenssätze zu transformieren. Eine Möglichkeit besteht z.B. darin, dass meine Kunden den einschränkenden Glaubenssatz zunächst bewusst (!) aussprechen und erleben, denn Bewusstheit ist der erste Schritt von Transformation. In einem zweiten Schritt formulieren sie dann einen förderlichen Glaubenssatz als Gegensatz zum Ausgangssatz. In einem dritten Schritt erleben die Kunden im schnellen Wechsel Ausgangssatz und Gegensatz immer wieder bis zu einem Punkt, an dem innerlich neue Erkenntnisse entstehen und der alte Glaubenssatz zerstört werden kann. In einem letzten Schritt wird dann der neue Glaubenssatz tief im Unterbewusstsein verankert und mit dem Kunden konkrete Schritte erarbeitet, um den neuen Glaubenssatz durch konkrete Aktivitäten wirklich mit Leben zu erfüllen.

b) Change-Historie: Transformation schwieriger Situationen aus der Vergangenheiten

Im Rahmen meiner NLP-Ausbildungen haben ich eine Vielzahl beeindruckender Techniken selbst erlebt und erlernt, um schwierige Situationen der Vergangenheit zu transformieren. Ausgangspunkt dafür sind Prägungen, d.h. einschneidende Erfahrungen aus der Vergangenheit. In einem strukturierten und geführten Prozess unterstütze ich Menschen dabei, diese Prägung bewusst zu machen und anschließend verändert neu zu erleben. Dazu wird im einem ersten Schritt die heutige einschränkenden Verhaltensweisen oder ein innerer Konflikten und das damit zusammenhängende Symptom in Form eines Gefühls, Wortes oder Glaubenssatzes identifiziert. In einem zweiten Schritt geht der Betroffene auf seinem Lebensweg zurück an die Stelle, wo er die frühste Erfahrung mit dem Symptom gemacht hat – also dem Zeitpunkt der Entstehung der Prägung. Aus „sicherer“ Entfernung sieht er oder sie sich nun die damalige Situation an und identifiziert weitere beteiligte Personen (z.B. Eltern oder Erzieherinnen). Durch die Betrachtung ist er in der Lage zu erkennen, was sein „früheres“ Ich und die anderen Beteiligten an Ressourcen gebraucht hätten (z.B. Selbstvertrauen, Liebe, Mut usw..). In einem imaginären Prozess gibt dann der Betroffene diese benötigten Ressourcen in diese Situationen. Anschließend erlebt er, aufgeladen mit diesen Ressourcen, die damalige Situation und „überschreibt“ die alte Prägung. Es ist für mich immer wieder wunderbar zu erleben, wie die Menschen, mit denen ich arbeite, diese Erfahrung erleben und ihren Zustand oft als „Neu geboren werden“ beschreiben. Gestärkt durch diese transformative Erfahrung wird dann der Rückweg zur Gegenwart angetreten. Die Festlegung der nächsten kraftvollen Schritte in die Zukunft runden diese dynamische Erfahrung ab.

c) Akzeptanz und Vergebung

Unsere Eltern prägen uns und zwar egal, ob sie bereits gestorben sind, wir mit ihnen im Konflikt leben oder wir vielleicht sogar den Kontakt abgebrochen haben. Vielleicht gehörst du ja auch dazu… Wir sind und bleiben an die Eltern gebunden, auch und gerade wenn Konflikte bestehen oder bestanden. Diese Konflikte sind dann eine Hypothek für unser eigenes Leben. Deshalb ist es für mich als Coach eine wichtige Aufgabe, meine Kunden dabei zu unterstützen, Akzeptanz zu schaffen, Konflikte mit den Eltern aufzulösen und am Ende auch für Vergebung zu sorgen. Zum Einsatz kommen in meinem Coaching dabei u.a. Rituale, Stühle-Arbeit mit imaginären Gesprächen und Aufstellungen.

Ich unterstütze die Betroffenen dabei erkennen, dass es ihre Eltern immer so gut gemacht haben, wie sie es konnten. Und das auch wenn es für den Betroffenen nicht gut genug war. Durch Akzeptieren des Vergangenen, Anerkennen des Guten und insgesamt durch Vergebung wird ein Raum unendlichen Frieden und Freiheit geschaffen, der heilt und stärkt. Er ist oftmals die Basis für eine Neuauflage in der Beziehung zu den Eltern, die sich stärkend auf alle Lebensbereiche auswirkt.

3. Beispiele aus der Coachingpraxis

Anton (Name geändert), 34, Ingenieur und bereits Teamleiter in einem multinationalen Konzern kommt zu mir ins Coaching. Obwohl er sehr erfolgreich ist, klagt er doch über ein sehr hektisches Leben und eine innere Unruhe, die sich u.a. in Schlafstörungen manifestiert. Gegenüber seinem Chef verhält sich Anton sehr ergeben, nimmt jeden Auftrag an und hat dann Probleme die Vielzahl dieser Aufträge in seinem Team umzusetzen. Um Konflikten aus dem Weg zu gehen, erledigt er die Aufträge vielfach nach Feierabend selbst. Sein Privatleben ist durch eine starke Bindung zu seiner Familie, insbesondere seinem Vater, gekennzeichnet. Fast jedes Wochenende unterstützt er seinen 60jährigen Vater im elterlichen Handwerksbetrieb und verbringt dort erstaunlich viel Zeit mit ihm. Anton, obwohl sehr attraktiv, ist ungewollt Single. Er berichtet, dass er immer wieder Frauen kennenlernt, aber bereits nach den ersten Treffen von Seiten der Frauen kein Interesse besteht, was ihn sehr belastet.

Im Coaching zeigte sich, dass es sein vordringliches Ziel ist, konkrete Techniken zu erlernen, um Stress zu reduzieren. Dies bestätigt auch meine Erfahrung mit Männern im Coaching: Gerade für sie ist der erste Zugang zu persönlicher Transformation der Körper. Wer seinen Körper zunächst wieder stärker wahrnimmt, ist dann auch besser in der Lage die eigenen Gefühle wahrzunehmen und anzuschauen. Anton spürte im Integralen Körpertraining die Energien seines Körpers und erlebte in der von mir angeleiteten Meditation eine innere Ruhe und Freiheit von Gedanken. Aus allen Übungen, die ich ihm zeigte, wählte er ca. 10 Übungen aus, die sich für ihn gut anfühlten. Zudem nahm er sich vor, täglich 5 Minuten Atembetrachtungs-Meditation durchzuführen. Auf Basis dieser Körpererfahrung war Anton dann noch besser bereit, sich den tieferliegenden Herausforderungen zu stellen.

In der Auftragsklärung im Coaching wurde für mich deutlich, dass Anton vor allem durch das  Enneagramm-Muster 3: „Erfolgstyp“ geprägt ist. Damit ist Leistungsorientierung ein ganz wesentlicher Faktor im Leben von Anton. Die Wurzeln hierfür lagen, wie das Coaching zeigte, in der Erziehung. Anton berichtete, dass sein Vater sehr oft seine Liebe an  Leistung geknüpft hatte. Meine Erfahrungen mit männlichen Kunden zeigen mir immer wieder, wie wichtig für einen Mann die bedingungslose Liebe des Vaters war und ist. Leider erlebe ich oft, dass der Vater abwesend oder selbst schwach war oder (wie bei Anton) die Liebe an harte Bedingungen (wie z.B. äußeren Erfolg) geknüpft waren. Dies wirkt stark bis in das jetzige Leben nach, indem Männer die Vaterfigur z.B. in Vorgesetzte (wie bei Anton) hineinprojizieren und ihnen ergeben folgen. Oder in der Gestalt, dass diese Männer nicht aus ihrer Mitte heraus leben, oft zweifeln und im Kern sich noch immer nach der Liebe des Vaters sehnen. Nach einigen Coaching-Sitzungen erkannte Anton das er noch immer auf der Suche nach der bedingungslosen Liebe seines Vater war und ihn auch deshalb so stark unterstützte. Und weiterhin wurde deutlich, dass der Mensch, der noch immer nach der Liebe des Vaters dürstet nur sehr schwer in der Lage ist, aus dem Vollen zu schöpfen und wirklich tiefe Liebesbeziehungen einzugehen. Zunächst gilt es, wie so oft, diesen Wunsch nach innerer Liebe zu stillen, bevor eine erfüllende Partnerbeziehung möglich ist.

Im Coaching arbeitet ich mit Anton an verschiedenen Glaubenssätze und half ihm dabei schwierige Situationen aus seiner Kindheit mit seinem Vater zu „überschreiben“ und neu zu erleben. Dies ermöglichte ihm anschließend in einem kraftvollen Ritual seinem Vater neu zu begegnen. Gestärkt mit dieser Energie und der inneren Klarheit unterstütze ich Anton dabei die für ihn notwendigen Gespräche sowohl mit seinem Vater, als auch mit seinem Chef vorzubereiten. Im Nachgang dieser Gespräche berichtete er mir, wie überrascht, am Ende allerdings auch dankbar beide Männer von dieser kraftvollen Offenheit von Anton waren. Im Ergebnis des Coachings fand Anton zu einem selbstbewussten, empathischeren und auf mehr Autonomie ausgerichtetes Verhältnis zu seinem Vater und seinem Chef. Dies ermöglicht es ihm eine ganz neue Work-Life-Balance für sich auszugestalten. Sehr hilfreich für ihn sind noch immer die erlernten Körperübungen sowie eine 15-Minuten-Meditation pro Tag. Er sagt selbst über sich, dass ihm Leistung noch immer sehr wichtig ist. Gleichwohl erkannte er, dass dies nur ein Teil des Lebens ist und auch Entspannung, Sport und Zeit in Stille sehr bedeutsam sind. Mit dieser Haltung konnte er mittlerweile auch schon einige spannende Frauen kennenlernen..

Auch Miriam (Name geändert) 41, Leiterin einer Kita und alleinerziehende Mutter eines 5jährigen Sohnes kommt zu mir ins Coaching. Obwohl sie als Kita-Leiterin schon sehr gefordert ist, steckt sie fast all ihre freie Zeit in ihr ehrenamtliches Engagement u.a. im Sportverein und in der Kirchgemeinde sowie in die Hilfe für ihren großen Freundeskreis. Miriam sagt selbst, dass sie sich für andere aufopfert und selbst wenig Unterstützung von anderen erhält, was sie oft sehr wütend macht. In Beziehung zu Männern zeigt sich, dass sie immer wieder solche Männer in ihr Leben zieht, die sich von ihr wie eine Mutter umsorgen lassen. Das geht eine Zeit lang gut, bis auch hier wieder die Wut durchbricht und die Beziehung zerstört. Zu ihrer eigenen Mutter hat sie nur noch wenig Kontakt.

Ausgangspunkt des Coachings von Miriam waren ihre Wutanfälle und ihr, wie sie selbst sagte, ausgeprägtes „Helfersyndrom“. In der Auftragsklärung wurde für mich deutlich, dass Miriam vor allem durch das Enneagramm-Muster 2: „Helfer*in“ geprägt  ist und die Fürsorge für andere ein Schlüsselaspekt ihres Lebens ist. Das Coaching zeigte, dass sie zu dem Glauben gelangt ist, dass nur wenn sie anderen hilft, sie selbst liebenswert ist. Mit Blick auf die Wutanfälle fragte ich nach, in welchen konkreten Situationen sich diese äußerten. Es waren vor allem Situationen, in denen sie aus ihrer Sicht nicht ausreichend für ihr Engagement gewürdigt wurde bzw. in denen sie nicht um Unterstützung gebeten wurde. Mehr und mehr kam sie zu der sicher nicht leichten Erkenntnis, dass diese Hilfe für andere nicht nur altruistisch motiviert ist, sondern das sie es auch braucht, gebraucht zu werden. Das war für sie (wie für viele Ennegramm-Muster 2) eine durchaus schmerzhafte, aber enorm wichtige Erkenntnis.

In den folgenden Coaching-Sitzungen schauten wir uns gemeinsam an, wie die Glaubenssätze in ihrer Kindheit entstanden sind. Es wurde deutlich, dass Miriam bereits, als ihr Vater früh die Familie verließ, Verantwortung übernehmen musste. Nicht die Mutter war für sie da, sondern sie musste die Mutter und den jüngeren Bruder stützen und immer wieder die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der Familie zurückstellen. Im Coaching half ich ihr schwierige Situation zu „überschreiben“ und in einem imaginären Gespräch gerade ihrer Mutter gegenüber ihre Gefühle (auch und gerade die Wut) und Bedürfnisse auszudrücken und klar zu machen, dass sie damals die „Kleine“ war und doch die Last der „Großen“ auf sich genommen hat. Diese Erkenntnis und das klare Aussprechen war für Miriam enorm emotional bewegend und befreiend und nicht wenige Tränen flossen. Gestärkt durch diese Erfahrung nahm Miriam auch wieder Kontakt zu ihrer Mutter auf und sprach sich mit ihr aus.

Es wurde deutlich, dass die Wut bisher ganz wesentlich ein Ausdruck der Unzufriedenheit über sich selbst war. Eine Unzufriedenheit über das eigene Unvermögen, für ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen und diese klar zu artikulieren. Auf Basis dieser Bewusstheit half ich ihr dann ihre höchsten Werte zu benennen und zu erleben, die, wie sich zeigte, sehr eng mit ihren Bedürfnissen zusammenhingen. Mit dieser Klarheit erkannte Miriam, dass sie auch mehr Zeit für sich selbst braucht und nicht jede freie Minute für Beziehungen verplanen sollte. Auch diese Erkenntnis ist für einen Enneagramm-Typ 2 nicht gerade die leichteste. Deshalb zeigte ich Miriam im Rahmen des Integralen Körpertrainings verschiedene Formen der Meditation, als ein Baustein für mehr bewusste Zeit für sich selbst. Miriam gefiel besonders gut die „Liebende Güte Meditation“ zur Herzöffnung, die sie seither regelmäßig einsetzt. Insgesamt berichtete Miriam am Ende unserer Coaching-Sitzungen das sie viel mehr Klarheit über ihre Bedürfnisse hat und diese auch äußert und ein für sie stimmiges Verhältnis von Gemeinschaft und Zeit für sich selbst hat. Dadurch gingen die Wutanfälle deutlich zurück und ihre Beziehungen sind insgesamt harmonischer. Die Meditation der „Liebenden Güte“ erlebt sie immer wieder als Kraftquellen  und Ruhepol in einem fordernden Leben. Mehr über diese Meditationsform findest du hier.

4. Meine persönlichen Selbsterfahrungen beim Seminar „Familienkreise“

Die Güte eines Coaches hängt für mich ganz wesentlich davon ab, inwieweit er selbst vorangegangen ist und „seine“ Themen angeschaut und bearbeitet hat. Neben den Erfahrungen in meiner NLP- und Coachingausbildung habe ich meine Familiengeschichte auch in einer sehr intensiven Form in einem 6-Tage-Intensiv-Selbsterfahrungsseminar „Familienkreise“ im Rahmen der „Großen Heldenreise“ Ende 2020 angeschaut und bearbeitet.

Ziel dieses Seminar ist es, die bereits beschriebenen, alten und begrenzenden Muster aus der Ursprungsfamilie zu erkennen und aufzulösen. Diese Erfahrung klärt das jetzige Geschehen in der Gegenwartsfamilie und gibt damit die Kraft und eine klare Perspektive um eine Vision der Zukunftsfamilie zu entwickeln. All das wird durch eine spannende Kombination von Gestalt-Körperarbeit, Fantasiereisen, Aufstellungstechniken, Ritualen und einer Vielzahl weiterer kreativer Techniken erarbeitet.

Den größten Raum im Seminar nimmt die Bearbeitung der negativen Botschaften und Programme aus der Ursprungsfamilie ein. Diese blockieren, wie bereits beschrieben, ganz wesentliche Teile unserer Kraft und unserer Fähigkeiten. In einem ersten Schritt werden dazu diese negativen Botschaften in einer Neuinszenierung in das Bewusstsein gehoben. Ich erkannte für mich hierbei Botschaften aus meiner Kindheit, die die Konfliktthemen: Kontrolle, übermäßige Planung, Dominanz, aber auch Schwäche adressierten. In Kleingruppen wurden nun diese Botschaften bearbeitet. Dies erfolgte z.B. in der Gestalt, dass Gruppenmitglieder die Rolle des Trägers der negativen Botschaft des Vaters oder der Mutter übernahmen und mich intensiv und wiederholend mit der Botschaft (z.B. „Du musst immer die Kontrolle haben“) verbal konfrontierten. Meine Aufgabe war es nun in einem sehr energievollen und kraftvollen Akt die negative Botschaft und das Gruppenmitglied „niederzuschlagen“, bis dieses nicht mehr aufsteht. Dieses Niederschlagen erfolgt durch ein Einschlagen auf eine Matte (und nicht auf die Person an sich) und ist vielleicht vergleichbar mit dem intensive Einschlagen auf einen Boxsack. Gleichwohl reagiert der Rollenträger so, als würden ihn die Schläge direkt treffen. Durch vollen Körpereinsatz in Verbindung mit Ausdruck der Stimme merkte ich an einer gewissen Punkt, dass die Botschaften keinen Einfluss mehr auf mein Gefühlserleben hatten. Meine ganze Persönlichkeit hatte verstanden, dass ich stärker als diese Botschaft bin. In diesem Moment sagte ich: „Ich bin fertig mit dir! Diesen Satz höre ich nie wieder von dir.!“. Anschließend sprach der Rollenträger die Botschaft noch einmal, um zu prüfen, ob wirklich keine energetische Ladung mehr vorhanden ist. Ist dies der Fall zeigt sich Folgendes: Indem wir uns der alten, schmerzvollen Erfahrung stellen, sie wiedererleben, wird enorm viel Energie frei, die uns hilft, das alte Muster zu transformieren und mit einer Fülle von neuer Lebensenergie gestärkt daraus hervorzugehen.

Auf Basis dieser Transformation gelang es mir dann, in einen imaginären Dialog mit wichtigen Menschen einzusteigen (bei denen Kontrolle ein wichtiges Konfliktthema war) und tiefe Heilung und Verbundenheit zu spüren. Insgesamt konnte ich nach dem Seminar mit wesentlich mehr Freiheit, Vertrauen, Liebe und Zuversicht gestärkt in den Alltag zurückkehren. Ein sich unmittelbar an das Seminar anschließendes Konfliktgespräch mit einem mir besonders wichtigen Menschen konnte ich mit enormer Klarheit und Vertrauen führen und damit die Basis für noch tiefere Verbundenheit schaffen.

5. Weitere Informationen

Habe ich deine Neugier geweckt? Wenn du mehr zum Thema (z.B. zum Enneagramm) wissen möchtest, melde dich gern. Vielleicht möchtest du dir sogar deine eigenen Muster anschauen und deine begrenzenden Glaubenssätze bearbeiten? Oder vielleicht endlich inneren Frieden mit deinen Eltern schließen? Gern unterstütze ich als Coach bei dieser kraftvollen Herausforderung, denn es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit zu haben.

Du erreichst mich unter:

michael.koenig@gemeinsam-aufsteigen.de

Ich freue mich, wenn wir Gemeinsam Aufsteigen!

Herzliche Grüße,

Michael

-Dein Business- und Transformationscoach-

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