Interpersonelle Achtsamkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen und Meditation zu zweit

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Um in unsere innere Mitte zu kommen, uns zu zentrieren und die Gedanken mehr und mehr loszulassen, ist eine stille Meditation das Mittel der Wahl. Wenn wir dann wieder in den hektischen Alltag, mit all seinen Herausforderungen und unserem Gedankenstrom zurückkehren, ist es durchaus schwer, achtsam zu bleiben. Daher stellt sich die Frage, wie auch in dynamischen Momenten in zwischenmenschlichen Beziehungen, Achtsamkeit kultiviert werden kann. Die Lösung liefert das Konzept der Interpersonellen Achtsamkeit mit der „Meditation zu zweit“ auf Basis der Leitlinien des sog. Einsichtsdialogs. Dieses Konzept wird in diesem Beitrag vorgestellt und sein Einsatz in Privatleben und Coaching praxisorientiert vorgestellt. Zudem berichte ich ganz persönlich zu meinen Erfahrungen mit dieser Form der Achtsamkeit. Und schließlich wirst du Gelegenheit bekommen, in einer Praxiserfahrung das Konzept zu erleben. Du kannst gespannt sein…

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag richtet sich an fortgeschrittene Anwender von Achtsamkeitspraktiken. Solltest du kaum oder wenig Erfahrung haben, empfehle ich dir zunächst den Einführungsbeitrag zum Thema Achtsamkeit und zum Aufbau der Psyche zu lesen. Das wird ein noch besseres Verständnis sicherstellen.

1. Überblick Konzept der Interpersonellen Achtsamkeit und Leitlinien 

Vergleichbar zum Ablauf einer stillen Meditation, hat auch die Meditation zu zweit, Leitplanken, die sog. Leitlinien des Einsichtsdialogs. Diese helfen aus Denk- und Gewohnheitsmustern auszusteigen und die Interaktion mit dem anderen ganz präsent im Moment zu vertiefen. Hier ein Überblick der Leitlinien: 

Leitlinien des Einsichtsdialogs
Innehalten im Hier und Jetzt
Entspannen von Körper und Geist
Öffnen
Dem Entstehen vertrauen, was sich im Moment zeigen will
Tief Zuhören, mit dem ganze Körper
Die Wahrheit sprechen, die im Moment durch dich gesprochen werden möchte

Die Leitlinien bilden damit die Hintergrundfolie für die Meditation zu zweit.

Insgesamt wird durch Beruhigung des Geistes eine Präsenz erschaffen, die hilft achtsam zu sein, für das, was in uns aufsteigen will. Diese Präsenz schafft die Basis für den gemeinsamen Erfahrungsraum. Treten wir dann in den Dialog ein, weiten wir unsere Aufmerksamkeit aus und tiefere Erkenntnisse und Emotionen können nun aufsteigen. Dabei entdecken wir, dass wir selbst uns unseren Gefühlen und Gedanken bewusst werden können, auch wenn wir miteinander interagieren. Dies bildet den Rahmen dafür, dass sich ein starkes, nährendes Verbundenheitsgefühl ausbreiten darf.

3. Meine Selbsterfahrung mit interpersoneller Achtsamkeit

Nachdem ich sehr positive und belebende Erfahrung in einem Achtsamkeitskurs gesammelt habe, griff ich gern das Angebot einer Vertiefung im Rahmen eines 8-Wochen-Aufbaukurses „Interpersonelle Achtsamkeit“ auf. Es war erstaunlich, wie über den Kontakt über die Augen und die Präsenz des Moments, eine Verbindung zu bisher unbekannten Menschen entstand. Aus den Tiefe der eigenen Person stiegen Impulse, Gedanken und Bilder auf, die einen Strom an Energie im Körper freisetzten. Diese Erfahrungen und Erkenntnisse nutzte ich fortan auch in privaten Beziehungen, um mich tiefer mit meinem Gegenüber zu verbinden. Sei es um einen Konflikt mit Freunden wirklich aufzulösen oder in einer erotischen Begegnung, um von Beginn eine tiefere Verbundenheit zu erfahren. Nicht ohne Grund werden solche Techniken auch in tantrischen Kontexten eingesetzt. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Kontakt über die Augen zu, da sie das Tor zur Seele sind. Ich erlebe dabei, wie das Ego, die Masken, die wir alle tragen, um dazuzugehören, in den Hintergrund tritt und ein Verbindung mit dem Seelenkern des anderen Menschen möglich wird. Mehr zum Aufbau der Psyche gibt es übrigens hier.

4. Deine Praxiserfahrung: angeleitete Meditation zu zweit

Sicher bist du nun ganz gespannt und möchtest die Meditation zu zweit mit deinem Partner oder einem Freund ausprobieren. Ich stelle in diesem Beitrag eine sehr vereinfachte Form der Meditation zu zweit vor, die dennoch sehr wirksam ist. Nehmt euch dafür insgesamt mindestens eine Stunde Zeit, in der ihr nicht gestört werdet. Zu Beginn könnt ihr gerne gemeinsam die o.g. Leitlinien gemeinsam lesen und als Hintergrundfolie in die Meditation hineinnehmen. 

Gerne empfehle ich auch dieses Zitat zu lesen und als Einstimmung innerlich nachklingen zu lassen:

„Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenübersteht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe.“

Meister Eckhart (1260 – 1327), deutscher Mystiker und Provinzial der Dominikaner

Macht nun aus, wer A) und B) ist und nehmt eine angenehme Sitz- bzw. Meditationshaltung ein, in der ich euch direkt gegenübersitzt und in die Auge schaut.

Der Ablauf der Meditation gestaltet sich nun wie folgt:

a) 2-3 Minuten schweigend in die Augen schauen

b) Augen kurz schließen, ganz bei sich ankommen und ganz bewusst die Augen öffnen

c) A berichtet 2-3 Min. von seinen Erfahrungen und B hört nur zu und zwar konkret:

• A berichtet: „Gerade fühle ich mich (Benennung Gefühl) und das (Gefühl) spüre ich (Stelle) im Körper. Also z.B.: “ Ich fühle mich sehr entspannt und spüre dies vor allem in der Brust.“

• Bei Bedarf und immer wertschätzend: Wie wirkt die Anwesenheit von B auf A?, z.B. „Deine Anwesenheit wirkt auf mich beruhigend und verursacht Freude und Entspannung in mir.“

d) Augen kurz schließen, ganz bei sich ankommen und ganz bewusst die Augen öffnen

e) B berichtet 2-3 Min. von seinen Erfahrungen (Ablauf siehe c), A hört nur zu

f) Augen kurz schließen, ganz bei sich ankommen und ganz bewusst die Augen öffnen

g) Offener Austausch in 5 Min. von A und B (Welche Gefühle sind JETZT da und wo im Körper?)

h) Wertschätzende Verabschiedung aus Begegnung

Besonders wichtig ist es, stets bei seinen Gefühlen zu bleiben und auf Bewertungen oder das Erzählen von Geschichten zu verzichten. Der Fokus auf die Gefühle und deren Verortung im Körper stellt sicher, dass du und dein Meditationspartner ganz im Moment ankommen und gemeinsam in etwas Tieferes eintauchen können. Sei dabei offen, dass Gefühle sich verändern und durchaus auch negative Gefühle (z.B. Trauer, Aufregung) sich zeigen werden. Meine Erfahrung ist, dass wenn diese gefühlt werden (ja und es dürfen auch Tränen fließen und Geräusche kommen), sich etwas ganz Neues zeigen kann.

„Der Punkt deiner größten Verletzlichkeit, ist der Punkt deiner größten Macht.“
– Osho

Gefühle brauchen Bezug und diese Form der Meditation ist ein verbundener und zugleich kraftvoller Rahmen dafür. Für fortgeschrittene Meditierende bzw. unter Anleitung ist es auch möglich, gemeinsam bestimmte Lebensthemen (wie Glück, Liebe, Dankbarkeit oder auch Tod) zu meditieren.

5. Einsatz im Privatleben, im Business und im Coaching

Aspekte und Grundgedanken der interpersonellen Achtsamkeit lassen sich sehr gut in das Coaching, im Business und in das Privatleben einbinden, um die Beziehungen zu vertiefen.

Interpersonelle Achtsamkeit im Coaching und im Business

Meine positive Selbsterfahrungen lasse ich gern in mein Coaching einfließen, z.B. durch einen sehr intensiven Augenkontakt. Gerade dann, wenn ich spüre das durch die richtigen Fragen ein Veränderungsprozess im Inneren des Kunden angeregt ist, bietet es sich an, längere Gesprächspausen einzulegen und gleichzeitig den Kontakt über die Augen aufrecht zu erhalten. Hierbei wird mir von meinen Kunden gespiegelt, dass durch meinen durchdringenden und zugleich wertschätzenden Blick in Verbindung mit meiner wachen Präsenz, ein Raum geschaffen wird, der tiefe Erkenntnis und Transformation ermöglicht. 

Einsatz der Meditation zu zweit im Coaching
Einsatz der Meditation zu zweit im Coaching

Wenn ich spüre, dass sich sehr emotionale Themen im Coaching zeigen und der Kunde eine gewisse Offenheit mitbringt, setze ich die Meditation zu zweit in einer vereinfachten Form ein. Dann ist es möglich, dass jeweilige Themen auf einer tieferen und gefühlsbetonteren Ebene zu reflektieren. Ich selbst bin dann eher eine Resonanzfläche, die durch meine Empathie und Sensibilität, die im Inneren des Kunden aufkeimenden Erkenntnisse verstärkt wiedergeben darf. Zudem stärkt eine solche Form der Reflexion das Coach-Kunden-Verhältnis enorm.

Ganz zentral steht dahinter die Erfahrung, dass wir durch einen längeren Blickkontakt in der Lage sind, die Aufrichtigkeit des anderen zu erfahren und uns auf einer vertrauensvolleren Ebene zu begegnen. Sicher hast du auch schon diese Erfahrung gemacht. So fällt es z.B. Menschen, die miteinander im Konflikt sind, sehr schwer in die Augen des anderen zu schauen. Natürlich ist unsere westliche Gesellschaft darauf konditioniert den Augenkontakt eher zu vermeiden, weil es als „Anstarren“ gewertet wird, wenn du länger als 3 Sekunden den Blickkontakt hälst. Wenn wir es uns erlauben, bewusst Blickkontakt aufzunehmen, z.B. wenn wir ein Zimmer betreten oder am Beginn einer Besprechung, kann sich vieles verändern. Wir werden dann den anderen ganz präsent wahrnehmen, so wie er gerade da ist und können uns so viel besser auf ihn einstellen. Dies ermöglicht es, viel fruchtbarer und effektiver zu kommunizieren und zusammen zu arbeiten.

Interpersonelle Achtsamkeit im Privatleben

Und auch die Beziehungsforschung hat die zentrale Rolle der interpersonellen Achtsamkeit erkannt und greift es im sog. „erotischen Zwiegespräch“ auf. Hierbei vereinbaren die Partner einen regelmäßigen Termin einmal pro Woche, bei dem sie sich mindestens eine Stunde in einem Zwiegespräch von Angesicht zu Angesicht begegnen. Dabei empfehle ich in meinem Coaching von Paaren gern den oben skizierten Ablauf der Meditation zu zweit. Einzige Ausnahme ist hierbei, dass bei den jeweiligen Redebeiträgen die Frage im Mittelpunkt steht, was den jeweiligen Sprecher zur Zeit am stärksten bewegt (innerhalb und außerhalb der Beziehung). Der Redeanteil wird auf 15 Minuten ausgedehnt, in der der Zuhörer ausschließlich zuhört und den Augenkontakt hält. Dann erfolgt der Wechsel. In der übrigen Zeit (bis zu 30 Minuten) erfolgt ein Austausch, bei dem es wichtig ist, sich jeweils auf den anderen zu beziehen. Generell wichtig ist, dass jeder bei sich bleibt und seine Gedanken und Gefühle ausdrückt statt den anderen oder dessen Aussagen zu bewerten. Und gleichzeitig offen und entspannt zu sein, was sich in dem gemeinsamen Erfahrungsraum zeigt. Damit knüpft die interpersonelle Achtsamkeit ganz unmittelbar an die Achtsamkeitsdefinition an: den jetzigen Moment bewusst und gelassen wahrnehmen, ohne sofort zu bewerten. Für Anfänger kann es durchaus sinnvoll sein, wenn dieser Austausch durch einen Coach angeleitet wird, um nicht (wie so oft) in die Negativspirale von Bewertungen/ Verurteilungen und Verteidigungen zu verfallen. Die Meditation zu zweit bietet gerade den Partner die wunderbare Gelegenheit, ihr Ego hinter sich zu lassen und sich aus dem Tiefsten ihrer Seele mitzuteilen und miteinander zu verbinden, um an- und miteinander zu wachsen und glücklich zu leben.

6. Impuls für deine erste Praxiserfahrung 

Sich einem Menschen in einer Meditation zu öffnen und dem Entstehen zu vertrauen, erfordert es, sich verletzlich und offen zu zeigen. Also sich in eine Situation zu begeben, die im krassen Gegensatz zu unserer Welt steht, indem sich das Ego im Menschen stets behaupten und durchsetzen will und sich daher hinter der schönen „Maske“ versteckt. Wirkliche Verbundenheit und Geborgenheit, die sich so viele wünschen, kann aber nur entstehen, wenn wir uns öffnen und verletzlich zeigen. Die „deutsche Päpstin“ Hildegard von Bingen bringt es mit folgendem Text sehr gefühlvoll auf den Punkt. Wenn dich der Text anspricht, nimmt ihn gern mit hinein, in eine Meditation zu zweit.

Wir müssen auf unsere Seele hören

Wir müssen auf unsere Seelen hören,
wenn wir gesund werden wollen.

Letztlich sind wir hier,
weil es kein Entrinnen vor uns selbst gibt.

Solange der Mensch sich nicht selbst
in den Augen und im Herzen seiner Mitmenschen begegnet,
ist er auf der Flucht.


Solange er nicht zulässt,
dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben,
gibt es keine Geborgenheit.

Solange er sich fürchtet durchschaut zu werden,
kann er weder sich selbst noch andere erkennen, er wird allein sein.

Alles ist mit Allem verbunden.

– Hildegard von Bingen –

7. Wo kannst Du mehr erfahren und praktisch erleben?

Sicher hast du nun Lust, eine Meditation zu zweit zu erleben. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Aufbaukurs Interpersonelle Achtsamkeit und weitere Seminare: Melde dich gerne, wenn du eine Empfehlung für geeignete Anbieter wünscht.
  • Integrales Körpertraining: Mein Körpertraining enthält viele Aspekte der interpersonellen Achtsamkeit. Mehr zum Training und zur Einschätzung durch meine Kunden findest du hier.
  • Coaching: Vereinbare gern ein Coaching mit mir, um an deinen Lebensthemen zu arbeiten.

Nimm gern mit mir Kontakt auf: michael.koenig@gemeinsam-aufsteigen.de

Ich wünsche dir viele achtsame und verbundene Momente in deinem Leben und mit deinen Mitmenschen und freue mich, wenn wir Gemeinsam Aufsteigen!

Herzliche Grüße,

Michael

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