Der Aufbau unserer Psyche und die Chancen des Wachstums

Viele Menschen ziehen zum Jahreswechsel Bilanz und nehmen sich einige Veränderungen für das neue Jahr vor. Um diese Veränderungen nachhaltig umzusetzen, ist es günstig die Arbeitsweise und den Aufbau unserer Psyche zu verstehen.

Der Psychiater und Begründer der Analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung hat ein elegantes Modell unserer Psyche vorgelegt und einen Weg beschrieben, wie persönliches Wachstum möglich ist. Neben dem Integralen Ansatz nach Ken Wilber bildet dieses Modell die wissenschaftlich-theoretische Grundlage meines Coachingsansatzes und ist deshalb Gegenstand des heutigen Beitrags. Neben den Erkenntnissen aus meiner eigenen Arbeit und der Befassung mit Jungs Psychologie beruht der folgende Text insb. auf Publikationen von Prof. Verena Kast (u.a. „Die Tiefenpsychologie nach Jung“; „Der Schatten in uns“) und John Sanford („Unsere unsichtbaren Partner“).

Ausgangspunkt: Das Eisbergmodell und die zentrale Rolle des Unterbewussten

Eisbergmodell
Eisbergmodell

Das weithin bekannte Eisbergmodell zeigt sehr eindrücklich den Grundaufbau unserer Psyche in 2 Hauptbestandteilen: dem Bewusstsein (über der Wasseroberfläche) und dem Unterbewusstsein (unter Wasser verborgene Anteile). Untersuchungen zeigen, dass unser Denken und Handeln nur zu etwa 5% aus dem Bewusstsein und damit unserer bewussten Wahrnehmungen, unserem Willen und analytischen Fähigkeiten heraus erfolgt. 95% unserer Entscheidungen und Gedanken resultieren aus dem Unterbewusstsein. Darunter können alle Gefühle/Emotionen, Muster, automatischen Programme, Prägungen, Glaubenssätze und Angewohnheiten verstanden werden. Vor diesem Hintergrund wird das Unterbewusstsein mitunter als „Kern der Persönlichkeit“ verstanden und ist Dreh- und Angelpunkt aller psychischen Wachstums- und Veränderungsprozesse eines Menschen.

Das schöpferische Potenzial in sich selbst erschließen und die Impulse des Unterbewusstseins aufnehmen

Diese Anfang des 20.Jahrhunderts bahnbrechenden Erkenntnisse zur Schlüsselrolle des Unterbewussten wurde vom Wiener Psychologen Sigmund Freud herausgearbeitet. Sein Kollege, der Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung (1875-1961) griff diese Erkenntnisse auf und entwickelte sie entscheidend weiter. Für Freud war das Unbewusste vor allem ein Aufbewahrungsort für verdrängte Wünsche und Triebe. Für Jung hingegen war das Unbewusste ein ebenso realer Bestandteil des individuellen Lebens wie das rational-logische Bewusstsein, nur unendlich reicher und umfassender. Die Auseinandersetzung mit dem Unterbewussten (u.a. durch Symbole und Träume) war für ihn der Schlüssel eines glücklichen und gesunden Lebens.

Seine „Analytische Psychologie“ richtet sich daher auch und gerade an „gesunde“ Menschen, die das im Unterbewusstsein brachliegende Potenzial heben wollen. Jung spricht hierbei vom schöpferischen Potenzial, das jedem Menschen innewohnt, indem er gerade auch Konflikte als Wachstumschancen im Leben begreift. Zugleich drängen aus dem Unterbewusstsein eigene Impulse (z.B. durch Träume, innere Bilder, Gefühle und Stimmungen) in das Leben des Menschen, die es zu erschließen und aufzunehmen gilt. 

Der Entwicklungsprozess des Menschen und der Aufbau der Psyche

Jung bezeichnet den Entwicklungsprozess der menschlichen Psyche als „Individuationsprozess“. Eine Reife der Psyche kann nur durch die sukzessive Bearbeitung der unbewussten Themen in den verschiedenen Schichten erfolgen, welche die folgende Abbildung zeigt:

Der Aufbau der Psyche nach C.G. Jung (leicht modifiziert)
Der Aufbau der Psyche nach C. G. Jung (leicht modifiziert)

Im Zentrum von Jungs Persönlichkeitspsychologie steht das „Selbst“ und die sog. „Individuation“. Darunter ist die Entwicklung hin zu einer zunehmenden Bewusstheit und einer damit einhergehenden menschlichen Reife und sozialem Verantwortungsgefühl zu verstehen. Ziel dieses Individuationsprozesses ist, dass der Mensch mehr und mehr zu dem wird, der er von seinen Anlagen und Entwicklungsmöglichkeiten her ist. Dies kann gelingen, wenn die verschiedenen Schichten Stück für Stück bewusst gemacht, durchgearbeitet und ins Leben integriert werden, um sich im Ergebnis mit dem seelischen Zentrum und Ausdruck der Ganzheit, dem Selbst, zu verbinden. Zu den Schichten gehören die dunklen Seiten, dem sog. „Schatten“, der im Gegensatz zu dem nach außen gezeigten, gesellschaftlich erwünschten Ego steht, sowie auch die gegengeschlechtlichen Anteile (Animus = männliche Aspekte in der Frau; Anima = weibliche Aspekte im Mann).

In der Folge stelle ich nun die einzelnen Schichten vor:

1. Das Ego

Der Begriff Ego wie ich ihn hier verwende, versteht sich als Ich-Ideal. Es ist all das, was wir in den verschiedenen Beziehungssituationen von uns zeigen, was wir darstellen, also wie wir unsere Persönlichkeit möglichst vorteilhaft „verkaufen“. Recht zutreffend spricht der Psychologe Erich Fromm vom sog. „Marketingcharakter“, bei dem der Mensch in allen Lebenslagen seine Persönlichkeit  im Wettbewerb möglichst vorteilhaft präsentiert und wie eine Ware „verkauft“. Wir zeigen uns dann z.B. als: Ich bin ein…“dynamischer Macher“, „eine aufopfernde Mutter“ oder „ein ordentlicher Nachbar“. Damit einher geht zumeist ein überzogenes Perfektionsstreben, um dem postulierten Anspruch auch gänzlich gerecht zu werden.

Insgesamt regelt das Ego unsere Beziehung zur Außenwelt und grenzt uns von dieser ab. Es zeigt, was wir zeigen möchten und bestimmt, welche Aspekte unserer Persönlichkeit von den anderen gesehen und auch wertgeschätzt werden sollen. Statussymbole, Kleidung, das äußere Erscheinungsbild und weitere materielle Güter unterstreichen und stellen symbolhaft das Ego dar. Dies wird in unserer heutigen Zeit gerade durch Social Media verstärkt, indem wir selbst jeden Tag Produzent und Konsument einer wahren Bilderflut des Ego sind.

2.  Das bewusste Ich

Das bewusste Ich schließt das Ego ein und geht über es hinaus. Es beinhaltet z.B. auch dem Individuum bekannte Schwächen oder Persönlichkeitsanteile die zwar bewusst sind, nach außen aber nicht gezeigt werden.

3. Der Schatten

Im „Schatten“ sind all die Persönlichkeitsanteile von uns enthalten, die nicht zu unserem eigenen Ich-Ideal des Ego passen. Er besteht damit aus Gedanken, Gefühlen und Impulsen, die wir als zu schmerzvoll, zu erschreckend oder zu unangenehm empfinden, um sie zu akzeptieren. Daher werden sie abgelehnt, unterdrückt und verdrängt.

Der Schatten beginnt sich bereits in der frühen Kindheit aufzubauen. Wir alle haben uns seit dieser Zeit an die Vorstellungen, Regeln und Gebote unserer Eltern, Erzieher und Freunde angepasst, aus Angst abgelehnt zu werden. Alles, was nicht gut ankam, wurde in den Schatten abgeschoben. Sätze wie „Das schaffst du nie“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ führten dazu, dass beispielsweise unsere ursprüngliche Kraft und Intelligenz bzw. unsere Empathie und Feinfühligkeit in den Schatten abgeschoben wurden.

Diese Verdrängung hat Konsequenzen: Durch die Abspaltung von Persönlichkeitsteilen schränken wir massiv die Entfaltung unserer Persönlichkeit ein. Auf körperlicher und psychischer Ebene wird unser innerer Friede gestört. Dies zeigt sich z.B. in Krankheit, Unruhe oder einem Mangel an kraftvoller Lebensenergie.

Im Umgang mit anderen Menschen zeigt sich unser Schatten in Form von sog. „Projektionen“. Dabei projizieren wir, wie ein Diaprojektor unsere eigenen inneren Themen und Bilder auf einen anderen Menschen oder eine Situation.

Projektionsmechanismus
Projektionsmechanismus

Konkret geht es uns dann auf die Nerven, wenn andere Menschen das leben, was wir uns selbst nicht erlauben (z. B. erfolgreich oder emotional und empathisch zu sein) oder genauso ein schattenhaftes Verhalten wie wir selbst zeigen (z.B. übervorsichtig oder bürokratisch zu sein). Dadurch schaffen wir uns Konkurrenten und Gegner, an denen wir das bekämpfen, was wir an uns selbst nicht wahrhaben oder uns zugestehen wollen. Schattenthemen zeigen sich besonders deutlich in wiederkehrenden Konfliktmustern im Berufs- und Privatleben.

4. Die Anima und der Animus

Als wichtiges Strukturelement der Psyche ist die Anima die unbewusste weibliche Seite der Persönlichkeit eines Mannes. Der Animus wiederrum ist die unbewusste männliche Seite der Frau. Beide sind Grundbausteine in der Psyche jedes Mannes und jeder Frau, die die Basis für instinktive Verhaltensmuster bilden und sich im menschlichen Bewusstsein auf eine bestimmte Weise zeigen. Sie sind mit physischer Energie geladen und erfassen uns leicht auf der Gefühlsebene. Bezüge gibt es hier durchaus zur chinesischen Kultur, bei der von „Yin“ als dem Weiblichen und „Yang“ als dem Männlichen gesprochen wird. Diese stellen zugleich auch zwei geistige Pole dar, zwischen denen alles im Leben entlang fließt.

Yin und Yang als Ausdruck weiblicher und männlicher Energie
Yin und Yang als Ausdruck weiblicher und männlicher Energie 

Populär geworden ist das Konzept von Anima und Animus, weil es u.a. erklärt, warum wir uns verlieben. Dies zeigt sich insbesondere dann, wenn wir uns  Hals über Kopf in einen Menschen verlieben, obwohl wir ihn als Persönlichkeit noch gar nicht kennen. Nicht selten sind Menschen dann fasziniert und hingerissen und dennoch entsteht nach der Phase der Verliebtheit, wenn die rosarote Brille gefallen ist, keine echte Liebe und keine stabile Beziehung. In solchen Fällen greift der weiter oben beschriebene Mechanismus der Projektion: wir projizieren dann unsere inneren, positiven Bilder  unserer Anima bzw. unseres Animus auf den jeweils anderen Menschen und verlieben uns damit quasi in uns selbst.

Dies zeigt sich z. B. auch sehr eindrücklich in einem bekannten Phänomen, welches mir auch in meinen Coachings häufiger begegnet ist: Ein erfolgreicher Mann mittleren Alters mit Frau und Familie unterhält eine Affäre zu einer wesentlich jüngeren Frau oder verlässt gar seine Familie für diese jüngere Frau. Auf einer tieferen Ebene zeigt sich dabei durchaus die Schwierigkeiten des Mannes zu akzeptieren, dass er altert. Er möchte durch seine Affäre das Vorrücken der Jahre verzögern und letztendlich zeigt sich in diesem Verhalten die Sehnsucht nach Erneuerung des Bewusstseins. Diese Wünsche sind natürlich nicht durch die Affäre (sie werden nur nach außen projiziert) erfüllbar, sondern nur durch die Auseinandersetzung mit der Anima als Teil des Unbewussten.

Die Anima ergreift in dem Maße Besitz vom Mann, in dem er es versäumt, weibliche Werte (u.a. Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken) in sich selbst, in seinem Leben und in Frauen wirklich anzuerkennen und zu respektieren. Sie zeigt sich im Mann in ihrer negativen Gestalt z. B. in der Launenhaftigkeit des Mannes, Unklarheit und Depression. Der Animus seinerseits wirkt in der Frau, wenn sie es ihrerseits versäumt männliche Werte (u.a. Logik, Struktur und Klarheit) in sich und in der Interaktion mit dem Mann zu leben. Er zeigt sich dann in der Frau in negativer Gestalt durch überzogene Bewertungen und Urteile, Verallgemeinerungen und kritische Bemerkungen.

5. Selbst

Das Zentrum des Menschen wird als Selbst bezeichnet und steht dem Ego (das auch als falsches Selbst bezeichnet wird) gegenüber. Das Selbst treibt den Individuationsprozess voran und ist zugleich sein Ziel in der Gestalt eines neues Persönlichkeitszentrums. Dieses wird erschaffen, indem wir uns durch die vorangegangenen Schichten hindurcharbeiten, Bewusstheit in diese unbewusste Inhalte bringen und sie integrieren. Damit werden Spannungen und Gegensätze der eigenen Psyche aufgehoben und es kommt immer wieder zu einer Versöhnung mit uns selbst. Es ist also der Ort der Ganzheit, der Ordnung, der Selbstzentrierung und der Selbstverwirklichung. Wenn wir aus dem Selbst heraus agieren, leben wir aus unserer inneren Mitte heraus und begegnen Menschen und Situationen mit einer einzigartigen Verbundenheit und Tiefe. Jung, der sich intensiv mit den Weltreligionen befasste und dessen Ansinnen es war, Psychologie und Wissenschaft mit Spiritualität zu verbinden, bezeichneten diesen Seelenkern auch als das Göttliche („Imago Dei“) in uns. Die großen Weisheitstraditionen bestätigen diese Deutung des seelischen Zentrums: der Buddhismus spricht von der Buddha-Natur im Menschen, das Christentum vom „inneren Christus“ und der Hinduismus vom „Atman“. 

Welchen Mehrwert bietet das Wissen zum Aufbau der Psyche für dich und was kannst du tun um dein psychisches Wachstum voranzutreiben?

a) Konflikte im Leben in Wachstumschancen verwandeln: Schattenarbeit

Das Wissen um den Schatten deiner Psyche und dem beschriebenen Mechanismus der Projektion hilft dir zu verstehen, dass die Konflikte in deinem Leben die größten Wachstumschancen darstellen. Eine einfache Faustformel lautet: Alles was ich an anderen kritisieren oder ablehne, aber auch glorifiziere, ist immer eine nicht akzeptierte Seite deiner Selbst. Der andere oder die Situation wird dir nur zum Spiegel. Ich lade dich daher ein, dir in der nächsten Konfliktsituation die Frage zu stellen (statt zu verurteilen): „Was hat das gerade mit mir zu tun?“ Das ist ein erster Schritt in Richtung Schattenintegration. Wenn du deine Schattenanteile bewusst bearbeiten und integrieren möchtest, biete ich dir gerne eine gemeinsame Schattenarbeit an. Mehr dazu findest du hier.

b) Balance zwischen Denken und Fühlen herstellen: Körperarbeit und Meditation

Die Auseinandersetzung mit Anima und Animus in dir, hilft dir, die männlichen und weiblichen Energien in Einklang zu bringen. Meine Erfahrungen zeigen mir, dass es dafür wichtig ist, regelmäßig für sich selbst Zeiten der Stille zu reservieren, in sich hinein zu spüren und zu erfahren, was innerlich aufsteigen will. Meditation ist hierbei das beste Mittel der Wahl. Ferner gilt es einen Ausgleich für unser auf das Denken, Tun und Planen orientiertes geschäftiges Leben zu schaffen, um gesund und produktiv zu sein. Ich biete dir hierfür ein Integrales Körpertraining an, bei dem du die Muskeln trainierst, deine Energieflüsse spürst und den Geist mit Mediation klärst. Hierbei setze ich u.a. angeleitete Meditationen ein, bei denen du direkt Kontakt mit deiner Anima/ deinem Animus aufnehmen kannst. Mehr zum Integralen Körpertraining findest du hier.

c) Ganz werden und alle Facetten der Persönlichkeit erschließen: Integrales Coaching

Wenn wir uns aufmachen und den Individuationsprozess unser Psyche aktiv gestalten, werden wir immer mehr wir selbst, der wie eigentlich sind, immer echter, immer stimmiger mit uns selbst. Indem wir die Gegensätze in uns vereinen und integrieren, bringen wir immer mehr Licht ins Dunkel und entdecken immer mehr Seiten an uns selbst. Wir erreichen dadurch mehr Autonomie und Freiheit und gewinnen zugleich mehr Echtheit und Beziehungsfähigkeit, da wir nicht mehr länger auf unsere enge Charakterstruktur unseres Egos festgelegt sind. Das letztendliche Ziel ist Ganzwerden, das wir zwar nie erreichen werden, das aber den Sinn für das ganze Leben stiftet. Für diese persönliche Transformation mit einer umfassenden Bewusstseinserweiterung biete ich dir ein Coaching auf Basis meiner Aufstiegsmethode an. Diese orientiert sich an einer Integralen Lebenspraxis und berücksichtigt alle vier entscheidenden Dimensionen persönlicher Bewusstseinsentwicklung: Körper, Geist, Seele und Schatten. Wenn du mehr zur Methode wissen möchtest, kontaktiere mich gern!

Die Michael-König-Aufstiegsmethode
Die Michael-König-Aufstiegsmethode

Du willst mehr über den Aufbau der Psyche und die einzelnen Schichten wissen?

Habe ich deine Neugier geweckt? Gerne stehe ich dir als Coach auf dem Weg zum wahren Selbst zur Verfügung und versorge dich kostenfrei mit weiteren Hintergrundinformationen (z.B. zum „Schattenprinzip“ oder zum Thema „Anima und Animus in uns“). Du erreichst mich unter: michael.koenig@gemeinsam-aufsteigen.de

Herzliche Grüße,

Michael

-Transformationscoach-

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